Tee unter Kiefern

Abgekaute Fingernägel, Nerven auf 30%.

Wie ich das Wegfahren hasse und das Reisen liebe!

Ankunft in Glasgow etwas verspätet: Es ist kurz nach 23 Uhr und ich verpasse den Flughafenbus um zwei Minuten, werde aber im Gegenzug mit einer sehr unterhaltsamen Uber-Fahrt entlohnt.

Wie immer beginnt die Reise an der Queen Street Station. Ich sauge die Atmosphäre in mich ein, schwelge in Erinnerungen, lausche den Durchsagen und schließe bei Eggroll und Cappuccino kurz die Augen. Bin ich bereit? Bin ich fit genug, meinen wie immer schweren Rucksack über Berge und durch Sümpfe zu schleppen? Die Antwort lautet NEIN in Großbuchstaben, doch ich fühle mich es meinen bereits getätigten Ausgaben für Equipment, inklusive neuem Zelt, geschuldet – und meiner großen Klappe. Also steige ich in den Zug nach Inverness und denke: Irgendwie geht's immer.

Nach einer kurzfristigen wetterbedingten Planänderung führt mich meine Reise nicht in den Nordwesten, sondern nach Aviemore in die Cairngorms. Wochenlange Pläne werden aufgrund von drohendem Sturm und knietiefem Sumpf kurzerhand abgeändert. Leiden ist gut und schön, aber überleben möchte ich schon.
Ich denke an Nan Shepherd und ihr Buch „The Living Mountain“. Sie gilt als Ikone der Natur-Schreibkunst und ist auf der schottischen 5-Pfund-Note porträtiert. Jetzt werde ich also in ihren Bergen wandeln, könnte übler sein.

In Aviemore kaufe ich noch das Nötigste ein, plus einen Merino-Fleeceschal, man weiß ja nie, und trotte noch schwerer beladen als zuvor die Straße entlang zum Campingplatz in Rothiemurchus.
Der Platz ist wundervoll in einem Wald gelegen, die Rezeptionsdame ist unglaublich engagiert und geizt nicht mit Informationen über die Gegend.
Ich kann diesen Tag in einem nahegelegenen Lokal abschließen, bei gutem Bier und schlechter Pizza. Um 20 Uhr liege ich eingehüllt im Schlafsack, höre den Regen auf meiner Zeltplane und schlafe wie ein Bär.

Tag 1 – Durch den Rothiemurchus Forest an den River Feshie

Frühmorgens geht es nach der letzten heißen Dusche für Tage ab in die Berge. Vorbei an Loch an Eilein und Loch Gamhna Richtung Feshiebridge. Der See liegt im Rothiemurchus Forest, einem der größten Reste des ursprünglichen schottischen Waldkiefernwaldes. Überall alte, knorrige Kiefern, menschenhoher Farn, Heidekraut und natürlich Moose. Von der wunderschönen Blüte des Heidekrauts sehe ich nur noch einen Hauch von Lila, und die Herbstfärbung der Bäume startet gerade erst. Für das eine zu spät, für das andere zu früh. Doch diese Erkenntnis rührt mich nicht weiter, da dieser Anblick schon tief genug in mein Herz vordringt. Wer weiß, vielleicht wäre zu viel Farbe tödlich.

Trotz aller Pracht und inneren Staunens verspüre ich bei km 14 Ermüdungserscheinungen und Hunger. Ich könnte jetzt gleich zum River Feshie abbiegen, mein Zelt aufschlagen und etwas essen oder einen kleinen Umweg zum Loch Insh wagen, dort im Loch Insh Outdoor Centre etwas bestellen, Proviant sparen und dann erst zu meinem Zeltplatz am Fluss traben. Ich beschließe nach einem Check auf Google Maps, ob auch wirklich geöffnet ist, dieser spontanen Eingebung zu folgen. Das Sportzentrum ist nicht wirklich romantisch, mit einer künstlichen Miniskipiste davor, die sogar in Betrieb ist, und gleichzeitig mit Badegästen, alles ein wenig schräg. Zu essen gibt's nur Erbsensuppe, alles andere erst ab 17:00. Also sitze ich hinter Fensterglas, trinke Bier und Erbsensuppe und scanne den Lochrand nach Zeltplätzen. Nicht ideal – ich beschließe, vom Alkohol beschwingt zum River Feshie zurückzukehren, zu viel los hier. Natürlich möchte ich nicht denselben Weg zurück zur Feshiebridge beschreiten, man will doch was erleben. Komoot sagt, es gibt noch eine andere Möglichkeit. Und die gibt es auch, jedoch muss man sich die letzten 400 m durch Farne und Jungkiefern kämpfen. Ich sage innerlich Hallo zur Zecke und schaffe es durchgeschwitzt und abgekämpft runter zum Fluss und seinen Schotterbänken. Der Wind weht kräftig, schwarze Wolken rasen am Himmel dahin, aber das Wasser ist wundervoll und energiegeladen und schenkt mir einen Teil davon durch bloßes Ansehen. Dieser Fluss zählt zu den dynamischen Flüssen Schottlands. Er mündet unweit in den Spey und dieser bei Buckie in die Nordsee. So schließt sich der Kreis zu meiner letzten Wanderung. Der Wind reißt die Wolken auf und die Berge leuchten in der Abendsonne. Ich finde ein Plätzchen für mein Zelt, was gar nicht so einfach ist: viele tote Bäume, büscheliges Gras und unebener Boden. Hoffentlich halten die Heringe im sandigen Boden!

Tag 2 – Asphalt, eine Furt und Hochlandrinder: zum Bothy Ruigh Aiteachain

Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne, obwohl Regen angesagt war. Herrlich, ich frühstücke vor meinem Zelt und klopfe ihm imaginär auf die Schulter. In der letzten Nacht gab es einige heftige Böen, aber alles hat super gehalten.
Ich brauche gefühlt ewig, bis ich gepackt habe, und kaum bin ich fertig, fehlt mir etwas, was natürlich ganz unten im Rucksack ist. Im Grunde habe ich ein echt gutes System und weiß genau, wo was ist, im Grunde halt. Das heutige Ziel ist nicht weit weg, circa 11 km zum Bothy Ruigh Aiteachain im Glen Feshie. Es ist wirklich übles Wetter angesagt für den nächsten Tag, und ich traue dem Sonnenschein nicht.

Der Weg bis zur Holzbrücke über den Fluss ist eher unspannend: eine kilometerlange Asphaltstraße mitten in der Natur. Hätte Schotter nicht auch gereicht? Doch die Brücke am Fluss und die Felsen im wilden Wasser verscheuchen die Asphaltgedanken. Ich raste hier, bewundere das bernsteinfarbene Wasser und wandere ab jetzt auf kleinen Wegen durch teils offene Heidegraslandschaft und Wald. Eine Furt ist zu überwinden. Ich schaffe es mit einem nassen Fuß. Besser als zwei, denke ich, und freue mich auf das Bothy, da sich Sprunggelenksschmerzen bemerkbar machen. Schottische Hochlandrinder versperren circa 1 km vor der Hütte noch den Weg. Ein großer Bulle ist dabei und viele Kälber, lieber einfach stehen bleiben und warten. Sie haben es nicht eilig, aber irgendwann gehen sie wieder der Nahrungsaufnahme nach und lassen mich und andere Wanderer passieren. Diese kündigen mir eine geheizte Hütte an, was schön ist, aber auch bedeutet, dass ich nicht allein bin.

Als ich das Bothy betrete, staune ich nicht schlecht. Das hier ist kein Bothy, eher eine Luxushütte. Zwei große Räume unten, ein Dachboden, Holz und Stein, ein gemütlicher Kamin, Bilder an der Wand, alles sauber und aufgeräumt, warm und gemütlich. Und mittendrin sitzt ein älterer Herr, der sich als Lindsay, „the grumpy old man“, vorstellt und mich mit dem Satz „Would you like tea?“ vollends davon überzeugt, dass Schottland anders ist. Lindsay, alles andere als grumpy, holt eine Kiste mit den unglaublichsten Teesorten hervor und genießt sichtlich den Moment meines Erstaunens. Ich glaube, es gibt acht Sorten Schwarztee, einfach unglaublich. Also sitze ich dort mit meinem Becher Empress Grey, plaudere mit diesem netten Herrn, der eigentlich in Glasgow wohnt, und erfahre so einiges über die Hütte und das Glen Feshie.
Der Eigentümer, Anders Holch Povlsen, kaufte Glenfeshie 2006 und begann mit einem großflächigen Renaturierungsvorhaben. Die Glenfeshie Lodge gegenüber gehört auch dem Milliardär und wird an Menschen mit größerem Budget vermietet. Das erklärt nun auch die Asphaltstraße. Der Rotwildbestand wurde drastisch minimiert, die Zäune, die viele Teile Schottlands durchziehen, um Jungwald zu schützen, kamen weg. Angeblich wurden allein in diesem Tal 18.000 Hirsche geschossen. Jetzt kommt wieder junger Wald auf, auch Laubbäume. Zusätzlich werden nicht heimische Gehölze gefällt. Gleich vor der Hütte sind einige wunderschöne alte Kiefern. Ich drehe noch eine Runde mit der Kamera und bin begeistert, nur der stechende Schmerz im Sprunggelenk macht mich etwas unrund. Gegen Abend füllt sich die Hütte, ich schlafe trotzdem wie ein Baby am Dachboden, neben einer Gruppe Jugendlicher. Übrigens ohne Zecken am Körper.

Tag 3 – Pausentag im Glen Feshie: Regen, Tee und Midges im Winterpelz

Am nächsten Tag regnet es wie erwartet und ich lege einen Pausentag ein. Genug Zeit hab ich ja, das Tal ist wunderschön, die Hütte gemütlich, die Gesprächspartner gut. Eine Kiste voller Teesorten und sogar Kaffee am Morgen, der mir von Lindsay gereicht wird, überzeugen mich von diesem Plan. Ich mache eine Fotorunde im Regen und werde erstaunt bei meiner Rückkehr in der Hütte von zwei Schotten mit Fahrrad gefragt, was ich denn fotografiert hätte. „Wet landscape“, gebe ich zur Antwort und blicke in lachende Gesichter.

Heute Nacht schlafe ich im Zelt unter einer alten Kiefer. Am Abend gibt es eine Handvoll Midges, die anscheinend Winterpelz tragen, denn warm ist es wirklich nicht mehr. Aber nach ein paar Stichen schaffe ich es halbwegs unversehrt in mein Zelt und betrachte die Bösewichte schadenfroh durch mein Gitter. So klein und so bestialisch. Ich schicke ein Stoßgebet nach oben und eine Tablette nach unten und hoffe auf einen schmerzfreien Fuß. Ich möchte nicht umkehren, ich möchte weitergehen Richtung Glen Tilt, obwohl die zwei Radfahrer mich vor unglaublichen Sümpfen und Qualen gewarnt haben. Lindsay meinte, es gehe schon, und der Weg sei wunderschön, also habe ich mich entschieden, der positiven Variante Glauben zu schenken. Außerdem kennt dieser Mann hier jeden Stein und jede Schlammpfütze. Der Vollmond leuchtet.

Tag 4 – Über die Wasserscheide zur Geldie Lodge

Ich starte um 9:00, ausgeruht und ohne Schmerzen. Gebet mit Tablettenunterstützung hat geholfen. Ich verabschiede mich von der Hütte und von Lindsay und schreite abenteuerlustig am Ufer des Feshie entlang. Unglaubliche Bäume säumen den kleinen Weg. Sie bilden gigantische Schirme mit Ästen bis zum Boden. Ich stehe unter so einem Exemplar und scheitere kläglich daran, es zu fotografieren. Kein Foto zeigt nur annähernd, was ich sehe. Also genieße ich einfach diesen Anblick und denke: Unter so einem Baum möchte ich sterben. Warum mir genau dieser Gedanke durch den Kopf geht, weiß ich auch nicht. Ich lache in mich hinein, sterbe nicht und verankere dieses Bild tief in meinem Gehirn oder Herz. Allein dafür lohnt sich alles Leiden. Der Weg führt leicht bergan, die Bäume werden weniger und schwupps befinde ich mich in der typisch baumlosen Bergwelt, so wie man sich Schottland vorstellt. Ich habe anscheinend ein anderes Estate betreten. Hier sehe ich wieder eingezäunte Bäume und kahle Berge. Schon komisch, wenn man sich vorstellt, dass eigentlich alles hier ganz anders aussehen würde: Wälder mit Moosen und Fliegenpilzen. Die Hirschlausfliegen übersehen wir mal. Im Grunde traurig, und doch finde ich diese kahlen Berge wunderschön. Die Weite, das Spiel von Schatten und Licht der Wolken, die Einsamkeit. Doch auch diese schöne Einsamkeit hat eine traurige Geschichte. Gerade im Glen Tilt ließ der Herzog von Atholl um 1784 die Bevölkerung umsiedeln, für Schafe und zur Verbesserung der Hirschjagd. Es gilt als frühester belegter Fall der Clearances in Schottland. Genau diese Hirsche sind nun ein Problem.

„Info: Die Highland Clearances
Als Highland Clearances (gälisch Fuadaichean nan Gàidheal, „Vertreibung der Gälen“) bezeichnet man die Räumung großer Teile der schottischen Highlands und Inseln im 18. und 19. Jahrhundert. Grundbesitzer vertrieben Kleinbauern, oft mit Gewalt, von ihrem Land, um es gewinnbringender zu nutzen: zuerst für große Schafherden, später als Jagdreviere für Hirsche. Viele Familien wurden an die karge Küste umgesiedelt, Zehntausende wanderten aus, vor allem nach Kanada, in die USA und nach Australien. Ruinen verlassener Dörfer prägen bis heute viele Täler.“

Während man noch die unendliche Landschaft bewundert, verwandelt sich der Weg in einen Hürdenlauf, oder sagen wir Hürdengang. Es wird schlammig: tiefe Pfützen, moorige Stellen, Wasserläufe. Die Augen sind auf den Boden gerichtet und man ist kilometerlang damit beschäftigt, nicht zu nass und nicht zu schlammig zu werden. Selbst wenn man eh schon nasse Füße hat und es eigentlich schon egal wäre, ist da noch ein Unterschied zwischen nass und dem Gefühl von Wasser, das bei jedem Schritt zwischen den Zehen mit einem undefinierbaren Geräusch hervorquillt. Macht es überhaupt ein Geräusch? Ich erreiche die Eidart-Brücke. Spektakulär schießt der Eidart dort in die Tiefe und den Berg hinunter in den Feshie. Ein wunderschöner Rastplatz. Während ich in meinen Nussriegel beiße, frage ich mich, ob der sagenumwobene tödliche Sumpf noch kommt. Mein nächstes Ziel ist die Ruine der Geldie Lodge. Auf dem Weg dorthin überquere ich eine unscheinbare Wasserscheide, nur daran zu erkennen, dass der Fluss im Tal nun nicht mehr Richtung Westen fließt, sondern Richtung Osten. Der Fluss nennt sich Geldie Burn und fließt in den Dee, der in Aberdeen in die Nordsee mündet. Ich erreiche die Ruine nach einem kalten Fußbad, da sie auf der gegenüberliegenden Flussseite liegt. Der menschenfressende Sumpf liegt anscheinend hinter mir – man vertraue immer auf Männer mit einem umfangreichen Teesortiment. Wunderschönes Abendlicht lässt an diesem Tag die verblühten Weidenröschen leuchten. Auf Englisch heißen sie auch Fireweed, weil sie oft das Erste sind, was nach Bränden wieder wächst. Auch an Ruinen sind sie häufig, weil der Boden dort oft nährstoffreicher ist. Die Pflanze erinnert quasi an die Bewohner, auch wenn die Mauern verfallen.
Die Nacht wird kalt hier oben, sternenklar. Man hört die Hirsche röhren.

Tag 5 – Nudeln im Red House Bothy und hinein ins Glen Tilt

7 Uhr, hellwach. Die Sonne geht mit gelb-oranger Wolkenwunderstimmung auf, beste Gelegenheit für ein paar kitschige Schottlandbilder: Ruine, Berge, Nebel und Sonne. Dann geht's weiter, zurück durch die Furt – ach, wie schön ist so ein kaltes Fußbad am frühen Morgen! – zum Red House Bothy. Während ich auf der Schotterpiste dahintrotte, beginnt mich der Hunger zu quälen. Ich habe die letzten Tage bei Weitem weniger Kalorien als meinen Grundumsatz zu mir genommen, um Proviant zu sparen. Ich träume davon, dass irgendjemand vielleicht Nudeln zurückgelassen hat, die ich mir jetzt zu Mittag einverleiben könnte. In der Hütte ist niemand außer meinen bestellten Nudeln, mit einem Zettel „enjoy“ und ein paar Knoblauchzehen. Besser geht's nicht! Ich genieße dieses Mahl wirklich, noch nie habe ich köstlichere Nudeln mit Knoblauch gegessen. Wer braucht schon Öl oder Sauce!

Draußen vor der Hütte wende ich mich nach Süden, überquere dreimal den Geldie Burn und mit Gegenwind im Gesicht geht's ins Glen Tilt. Ich stelle fest, dass meine Füße bei Weitem das Sauberste an mir sind. Das Tal wird immer enger, fast schluchtartig. Ich werde von Schafen beobachtet, während ich mich wieder durch morastige Wege kämpfe. Zeltplätze sind rar: keine ebenen Stellen, Steine und Heidekraut. An der wunderschönen Bedford Memorial Bridge beschließe ich, mein Zelt aufzuschlagen, da schwer zu sagen ist, was noch kommt. Gerade noch hält der Himmel so lange sein Wasser zurück, dass ich mein Nachtmahl trocken einnehmen kann, dann wird's ungemütlich, Windböen und Regen bearbeiten mein tapferes Zelt. Der Wasserfall rauscht, ich schlafe den Schlaf erschöpfter Wanderer.

„Info: Geologiegeschichte im Glen Tilt
1785 entdeckte James Hutton hier, an der heute eingestürzten Dail-an-eas Bridge, rote Granitadern, die in ältere graue Schiefer eingedrungen waren. Für ihn war das der Beweis, dass Granit aus abgekühlter Schmelze entsteht und nicht aus Wasser abgelagert wurde, wie man damals glaubte. Diese Beobachtung ebnete den Weg zu seiner Idee einer unvorstellbar alten Erde. Übrigens: Die Marble Lodge im Tal erinnert an den kleinen Marmorabbau Anfang des 19. Jahrhunderts“

Tag 6 – Durch Regen und Sturm nach Blair Atholl

Am Morgen regnet es immer noch, und es ist klar, dass nichts anderes übrig bleibt, als zusammenzupacken und zu starten. Bis Blair Atholl sind es über 20 km. Zu meinem Missfallen muss ich gerade an diesem Morgen einem sehr menschlichen Bedürfnis nachgehen. So hocke ich mit heruntergelassener Hose und einer Schaufel in der Hand in Regen und Sturm. Natürlich funktioniert dann alles besonders schnell, versteht sich. Da hilft nur taoistische Gelassenheit. Und so starte ich die letzte Wanderetappe nass, noch bevor ich mir richtige Regenkleidung überziehen konnte, aber zumindest erleichtert. Der Gegenwind peitscht mir Wasser ins Gesicht, das sich seinen Weg über den Hals runter zur Brust bahnt. Gleichzeitig spüre ich nasse Kälte auch von den Händen her Richtung Ellbogen kriechen. Mit gesenktem Kopf und ohne Pause wird mir immer klarer, dass ich bis Blair Atholl durchgehen werde. Ich habe Visionen von Burger mit Pommes und einem warmen Bett. Diese verleihen einem Menschen mehr Kraft als jede Medaille oder jeder Gewinn. Links und rechts stürzen sich immer wildere Bäche in den River Tilt, der tosende Ausmaße annimmt. Der lebende Berg ist mehr als lebendig. In einem dichten Fichtenwald versuche ich eine Rast einzulegen. Fliegenpilze sprießen aus duftenden Nadelschichten, aber auch den Hirschlausfliegen scheint es hier zu gefallen. Sie gönnen mir keine Rast und treiben mich weiter. Und dann, mit einem Mal, als wäre nie etwas gewesen, kommt die Sonne heraus. Alles, was vorher grau und fast beängstigend gewirkt hat, erstrahlt im warmen Licht. Es funkelt und glänzt, das Herz lacht und man vergisst schlagartig die nasse, kalte Stimmung von eben, als hätte es sie nie gegeben.
An einer Steinbrücke ziehe ich mich um, koche mir heiße Suppe und blicke auf die Gewalt des braunen Wassers unter mir.
Ich buche ein Zimmer im alten, ehrwürdigen Atholl Arms. Das Hotel ist fast 200 Jahre alt, schottisches Flair an jeder Ecke. Im Pub gleich um die Ecke esse ich einen unfassbar guten Burger und trinke Bier, als ginge es um mein Leben. Geht's ja auch, denke ich. Elli, du hast es verdient!

„Info: Blair Castle
1746 belagerte hier ein Bruder sein eigenes Elternhaus. Es war die letzte Burgbelagerung Großbritanniens. Und weil Queen Victoria von ihren Leibwächtern so angetan war, residiert hier bis heute Europas einzige legale Privatarmee, die Atholl Highlanders.
2022 tauchte hinter einer Kellertür Whisky von 1833 auf, vermutlich der älteste Scotch der Welt.“

Kamera: Fuji XT5 plus Fujinon 35mm, iPhone

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Von A wie Abisko bis Z wie Zuckerlblau